Kanada

Liebes Tagebuch,

langsam ist es echt zum Verzweifeln. Zuerst wollten wir nur Vancouver Island erkunden. Dann kam die Idee: „Warum nicht die Sunshine Coast mitnehmen?“ Am Ende strichen wir beides und entschieden uns relativ kurzfristig für die große Tour durch die Nationalparks. Die Wahrheit ist: Kanada ist so riesig und bietet so unfassbar viel, dass man sich ständig fühlt, als würde man etwas verpassen. Aber wie sagt man so schön: Alle Guten Dinge sind drei? Wir haben unsere Reiseroute nun also echt dreimal komplett über den Haufen geworfen. Denn die dritte Routenänderung mussten wir vornehmen, weil der Jasper Nationalpark durch ein Feuer großflächig zerstört wurde und zum Zeitpunkt unserer Ankunft noch gesperrt war.

In Kanada lernt man schnell: Du kannst planen, so viel du willst – am Ende entscheidet die Natur, wo es langgeht.

Wir sind insgesamt drei Woche in Kanada gewesen von Mitte August bis Anfang September. Wir sind von Münster/Osnabrück weiter nach München und dann weiter nach Vancouver gefolgen. Auf dem Rückweg sind unsere Gepäckstücke in München stecken geblieben, aber nach einem 10-Stunden-Flug waren wir mehr oder weniger froh, dass wir unsere Trekkingrucksäcke nicht noch bis zum Auto schleppen mussten. Und zu unserem Glück wurden sie uns am nächsten Tag direkt bis nach Hause geliefert. Und mal ganz ehrlich? Die dreckige Wäsche läuft uns ja nicht weg.

Highlights

Monck Provincial Park

Nachdem wir in Vancouver gelandet sind, hat uns ein Shuttle zu unserem Hotel dem Sandmann Signaturen gebracht. Nach einem Langstreckenflug achten wir immer darauf, dass unsere erste Unterkunft nah am Flughafen ist. Ebenfalls sehen es Camper- oder Autovermietungen nicht so gerne, wenn man direkt am Ankunftstag das Fahrzeug in Empfang nimmt. Und wir müssen echt zu geben: Langstreckenflüge plus Jetlag sind echt nicht zu unterschätzen. Am nächsten Tag sind wir mit einem UBER zum Camperverleih gefahren.

Nach der Übernahme unseres Campers in Vancouver hieß die erste Mission: raus aus der Stadt, rein in die Natur. Unser Ziel war der Monck Provincial Park auf dem Weg Richtung Revelstoke. Rückblickend war das die beste Entscheidung, die wir treffen konnten. Der Park liegt idyllisch in einem Wäldchen direkt an einem See umzingelt von vielen Tieren. Hier haben wir bereits Streifenhörnchen, einen Mader und einen Weißkopfadler gesehen – der perfekte Ort, um das erste Mal richtig tief durchzuatmen. Es roch überall herrlich nach Pinienbäumen. Leider konnten wir trotz des sommerlichen Wetters nicht im See schwimmen gehen aufgrund von Blaualgen. 

Direkt neben uns hatten waschechte Kanadier ihr Nachtquartier aufgeschlagen. Da sie uns nach unserer Route fragten und wir ehrlicherweise aufgrund des Feuers im Japser Nationalpark noch nie wussten, ob wenigstens die Durchfahrt in ein paar Tagen möglich sei, gaben uns den Tipp nach Osoyoos zu fahren. Also bei Banff nicht nördlich nach Jasper abzubiegen, sondern südlich Richtung Canmore zu fahren.

Ebenfalls gaben sie uns den Tipp auf jeden Fall in Revelstoke zu halten, um mit der Mountaincoaster zu fahren. 

Revelstoke und ein ungeplanter Logenplatz am See

In Revelstoke angekommen, folgten wir dem Tipp. Es war zwar eine Qual für mich den Berg mit der Gondel hochzufahren. Aber dafür war die Fahrt mit der Mountaincoaster umso spektakulärer. Okay, ich bin natürlich viel vorsichtiger und langsamer gefahren als Holger, weswegen er mich zum Schluss eingeholt hat. Aber zu meiner Verteidigung: Was wäre gewesen, wenn dort plötzlich ein Bär gestanden hätte? Der Tipp war also goldwert gewesen.

Nach so viel Aufregung und Adrenalin brauchten wir erst mal Erdung – und die fanden wir an einem freien Stellplatz direkt am Stausee von Revelstoke. Eigentlich wollten wir nach einer Nacht direkt weiter, doch der Platz war so perfekt, dass wir den Plan spontan ignorierten. Das Wetter war herrlich und das glitzernde Wasser die perfekte Belohnung für meine mutige Abfahrt. Also schnappten wir uns unsere Campingstühle, gingen Schwimmen oder schauten einfach stundenlang aufs Wasser und spielten Skip-Bo.

Während wir dort die Füße hochlegten und die Erfrischung im See genossen, wurden wir erneut vom kanadischen Wildlife überrascht. Diesmal waren es keine Adler oder Streifenhörnchen, sondern Biber. Wir konnten sie in aller Seelenruhe dabei beobachten, wie sie durch das Wasser glitten und fleißig Futter suchten. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so laut knabbern. Du etwa?

Nachdem wir am Stausee ordentlich Sonne getankt hatten, hieß es: Ab in die Höhe! Die Rocky Mountains riefen und so schön es auch in Revelstoke gewesen ist, wir wollten andere Seiten von Kanada erleben. Bereits wenn man den Highway in Richtung Rockies fährt, kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus. ie Kulisse ist vom ersten Moment an gewaltig, Und überall gibt es Warnungen vor Bären, die die Straße kreuzen könnten. 

Wir haben aber schnell eine Lektion über das Gebirgsklima gelernt: Auch wenn wir tagsüber bei strahlendem Sonnenschein schwitzten, wurden die Nächte in den Nationalparks unerwartet kalt und feucht. Da kriecht die Kälte doch schneller durch die Camper-Wände, als man denkt! Aufgrund der generellen Trockenheit in den Wäldern herrschte zu dem Zeitpunkt noch striktes Feuerverbot, weswegen wir abends kein gemütliches Lagerfeuer machen konnte. Zum Glück wurde dies aber ein paar Tage später aufgehoben.

Glacier Nationalpark

Unser erster Halt in den Rockies hieß: Glacier Nationalpark. Hier wurden wir bereits von vielen Schildern vor Bären gewarnt, weil erst vor ein paar Stunden eine Grizzly-Mama mit jungen gesichtet wurde. Zum Glück hatten wir bereits Bärenspray. Aber dennoch ist es ein mulmiges Gefühl durch den Glacier Nationalpark zu wandern und zu denken, dass jederzeit irgendwo ein Bär auftauchen könnte und zeitgleich möchte man doch so gerne einen sehen. Findest du nicht auch?

Yoho Nationalpark

Unser nächster Halt war der Emerald Lake im Yoho Nationalpark. Wir hatten im Vorfeld viele Kommentare gelesen, dass es dort unmöglich sei, mit dem Camper einen Parkplatz zu finden. Unsere Erfahrung? Völlig unproblematisch! Vielleicht hatten wir Glück, aber wir haben entspannt einen Platz bekommen.

Auf dem Weg zum Emerald Lake passierst du  auch die Natural Bridge. Ein netter Fotostopp, wenn man sowieso gerade vorbeifährt, aber aus unserer Sicht absolut kein „Must-See“, für das man einen riesigen Umweg einplanen müsste. Da gibt es in der Gegend deutlich beeindruckendere Ecken!

Für unsere Zeit im Yoho Nationalpark haben wir zwei Nächte auf dem Kicking Horse Campground verbracht. Im Internet liest man oft Warnungen vor den vorbeifahrenden Güterzügen, die nachts den Schlaf rauben sollen – aber wir können dich beruhigen: Wir hatten absolut keine Probleme und haben herrlich geschlafen. Und tatsächlich haben wir uns hier das erste Mal nach 5-Tagen eine Dusche gegönnt. Die Gänge zu den Duschen inkl. Der Duschtüren erinnern ein wenig an ein Gefängnis. Aber wenigstens waren die Duschen geräumig und sauber. Und tatsächlich konnten wir hier abends endlich ein Lagerfeuer machen und fühlten uns so vollkommen angekommen in diesem wunderschönen Land.

Der Platz ist strategisch einfach unschlagbar. Er war für uns das perfekte Basislager, um die spektakulärsten Ecken der Region sehen wollt:

Lake O’Hara

Ein absolutes Juwel (für das man allerdings im Vorfeld ein Shuttle-Ticket ergattern muss). Da wir ja immer relativ spontan unterwegs sind, haben wir natürlich keine Tickets mehr bekommen.

Takakkaw Falls

Die gewaltigen Wasserfälle liegen quasi um die Ecke. Die Fahrt dorthin ist etwas gewöhnungsbedürftig, wenn das Gefährt länger als 7m ist. Kennst du noch diese Autorennbahn aus Holz, wo man oben das Auto losfahren lässt und es dann die verschiedenen Ebenen vorwärts und rückwärts herunterfährt? Ja, exakt so, müssen alle Fahrzeuge über 7m dort hoch- bzw. herunterfahren.

Moraine Lake

Wir haben den Campground am zweiten Tag bereits in aller Frühe verlassen (und bei knapp 7°C), da wir zum Moraine Lake und Lake Louise wollten. Die Shuttle-Busse zum Moraine Lake und Lake Louise sind eine super Möglichkeit um zwischen den Seen hin- und herzufahren. Wir waren ca. gegen 7:15 Uhr morgens am Moraine Lake und hatten das Glück den See noch unberührt und ohne Boote zu sehen. Unserer Meinung nach der schönere See von beiden. Den Tages-Shuttle zum Moraine Lake und Lake Louise kannst du über folgende Seite buchen: Visting Moraine Lake und Lake Louise

Lake Louise

Lake Louise ist ebenfalls sehr schön, aber auch stark überlaufen. Als wir angekommen sind, sind wir direkt zum Teehaus gewandert. Eine schöne, aber auch anstrengende Wanderung, die mit kleinen Seen zwischendurch belohnt wird. Oben am Teehaus ist es komplett überlaufen, sodass wir uns gar nicht erst eingereiht haben, um einen Tee zu trinken, sondern nach einem kurzen Snack aus unseren Rucksäcken weiter zum Bee Hive gewandert sind. Von hier hatten wir eine unfassbar schöne Aussicht auf den Lake Louise. Allerdings fand ich es mal wieder etwas beängstigend, dass wir höher waren als die Helikopter. Während Holger also Fotos gemacht hat, habe ich versucht mich mit den kleinen süßen Streifenhörnchen anzufreunden.

Icefields Parkway

Ich hatte ja bereits geschrieben, dass die Durchfahrt zum Jasper Nationalpark gesperrt war aufgrund des verheerenden Waldbrandes. Also haben wir beschlossen den Icefields Parkway bis zur Straßensperre zu fahren und es war unsere beste Entscheidung. Die Straße schlängelt sich vorbei an spektakulären Seen, Szenerien und tollen Naturspektakeln.

Wie du also merkst: Wir folgen erneut dem Tipp von dem kanadischen Ehepaar, dass wir auf unserem ersten Campground kennengelernt hatten.

Kananaskis Nationalpark

Banf und Canmore sind zwei süße kleine Städte, die ganz dem kanadischen Bergdorf-Flair entsprechen. Wir waren bereits wieder früh vor Ort, da sich die Städte ab Mittags stark füllen.

Nachdem wir uns Banf und Canmore angesehen haben, sind wir weiter Richtung Kananaskis Nationalpark gefahren. Doch kurz vorher kamen uns die Zweifel, ob wir wirklich den richten Weg gewählt haben. Mittlerweile hätten wir zwar wieder weiter Richtung Jasper fahren dürfen, allerdings nicht anhalten, nur durchfahren. Aber wir wollten nicht wie Schaulustige wirken, die sich ansehen wie viele Existenzen und noch mehr Natur zerstört wurden. Also haben wir uns für den Kananaskis Nationalpark entschieden. Tatsächlich hatten wir kurz überlegt einen kurzen Abstecher in die USA zu machen (ja… wir waren irgendwie etwas lost). Aber da wir ja den Tipp bekommen hatten nach Osoyoos zu fahren und die Mountaincoaster ein Volltreffer war, haben wir uns dazu entschieden wieder auf den Tipp von Einheimischen zu hören.

Der Kananaskis Nationalpark war definitiv die richtige Entscheidung. Unser Campground war direkt am See gelegen, wir konnten abends Feuer machen und die Natur genießen. Tatsächlich haben wir auch eine Grizzly-Mama mit drei jungen gesehen. Der Inhaber des Campgrounds war ein super freundlicher älterer Herr, der immer mit seinem Golf-Caddy über dne Platz fuhr. Da der Platz so groß und weitläufig war, hatten wir kaum direkte Nachbarn.

Osoyoos bzw. Vancouver Island

Völlig begeistert und entusiastisch sind wir weiter nach Osoyoos gefahren. Während das Wetter in den Rockies immer kälter wurde, waren in Osoyoos über 20 Grad und Sonne. Ein traumhaftes Wetter für einen eigenen Weinanbau und frisches Obst für das diese Region bekannt war. Der Weg dorthin war wie eine Reise durch den „Wilden Westen“. Wir fuhren an unzähligen Ranches vorbei, durch endlose goldene Felder mit riesigen Heuballen – eine Kulisse wie aus einem alten Film. In Osoyoos angekommen, deckten wir uns erst mal bei den Obsthändlern mit frischen Früchten ein und machten einen Stopp beim Weinbauern. Doch je weiter wir fuhren, desto unglücklicher wurden wir. Es war nicht der Ort an dem wir bleiben wollten. Also entschieden wir ganz spontan unsere Reise bis nach Vancouver Island fortzusetzen. Während Holger fuhr, buchte ich uns die allerletzte Fähre (und auch schon die Rückfähre) und so fuhren wir über 1000km, kamen kurz vor Mitternacht am Hafen an und fuhren todmüde auf die Fähre. Mitten auf dem Wasser passierte dann das Unfassbare: Wir wurden mit Nordlichtern belohnt, die über den Himmel tanzten. Nach der Ankunft hieß es nur noch: Den nächstbesten Platz suchen. Wir landeten auf einem überwachten Costco-Parkplatz für die Nacht, nur um am nächsten Morgen als Erstes an den Strand zu fahren und endlich die Füße in den Sand zu stecken.

Auf der Insel haben wir uns gegen das klassische „Sightseeing-Abtickern“ entschieden. Wir haben gar nicht so viel von der gesamten Insel gesehen, sondern uns lieber einen kostenlosen Stellplatz direkt an der Straße am Meer gesucht. Zum Einen waren wir noch müde von der vorherigen 1000km-Tour, zum anderen waren wir genau zur Ferienzeit auf Vancouver Island, weswegen viele Campground ausgebucht waren und wir nicht ständig auf „Schlafplatzsuche“ sein wollten. Tja, Spontaneität bringt eben auch seine Opfer mit sich.

Aber der kostenlose Stellplatz war dennoch unser Luxus: Morgens beim Aufstehen direkt auf das Meer zuschauen. Abends den Tag bei Meeresrauschen ausklingen lassen. Den Wein oder das Bier in Socken verstecken und einfach den Moment genossen. Gegen Abend kamen viele Einwohner an den Strand und machten ein Feuer, grillten oder trafen sich mit Freunden und Familie. Tagsüber war es eher ruhiger, sodass wir entweder schwimmen gegangen sind oder 3 km zum nächsten Café (Koffee Fokker’s) gelaufen sind, nur um dann wieder auf das traumhafte Meer zu schauen.

Einen Tag haben wir uns eine Whale-Watching-Tour gegönnt gemeinsam mit einer kanadischen Familie und einem deutschen Pärchen. Auf unserer Whale-Watching-Tour sind wir mit Delphinen, Orcas und Buckelwalen belohnt worden. Die Buckelwale tauchten direkt unter uns her auf der Suche nach Futter. Es war gigantisch. Sie waren so nah, dass ich habe sogar Wasser abgekommen, als sie durch ihr Rückenloch geatmet haben. Wusstest du, dass es Wasser mit Buckelwal-Rotz ist? …yummi.

Vancouver

Zum Schluss unserer Kanadareise haben wir die letzten Tage in Vancouver verbracht. Ohne Camper, sondern in einem Hotel. Vancouver bietet die perfekte Mischung aus urbanem Flair und Naturerlebnissen. Wer die Stadt erkunden will, sollte sich für ein Hotel in Downtown entscheiden. Wir haben direkt am Stadion übernachtet und hatten so den idealen Startpunkt für alle Aktivitäten.

​Abendprogramm: Ein Abstecher nach Gastown gehört dazu – hier gibt es die besten Bars für eine gemütliche Kneipentour. Und man fühlt sich doch immer wieder heimelig, wenn deutsches Bier angeboten wird.

Unser Kanada-Fazit: Spontanität ist alles

Wenn uns Kanada eines gelehrt hat, dann das: Ein fester Plan ist gut, aber die Freiheit, ihn jederzeit umzuwerfen, ist besser.

​Natürlich gab es diese Momente, in denen wir abends im Camper saßen, die Karten studierten und uns der Kopf rauchte. Es gab Phasen, in denen uns die ständigen Umplanungen – ob wegen des Wetters oder der Waldbrände – auch mal genervt haben. Das gehört zur Wahrheit dazu. Aber rückblickend war genau das der Schlüssel zu unserem Glück.

​Wir haben aus jeder Situation das Beste gemacht und sind am Ende immer dafür belohnt worden. Sei es durch die Nordlichter auf der nächtlichen Fähre oder den einsamen Stellplatz am Meer. Kanada fordert einen heraus, aber wenn man sich darauf einlässt, bekommt man Erlebnisse zurück, die in keinem Reiseführer stehen.

Stellplatzempfehlungen

Hilfsmittel

Unsere Reiseroute

Vancouver -> Revelstoke -> Glacier National Park -> Yoho Nationalpark -> Banff Nationalpark inkl. Moraine Lake und Lake Louise -> Icefields Parkway -> Banff -> Canmore -> Kananaskis Nationalpark -> Osoyoos -> Vancouver Island -> Vancouver